„Vorwort zur Hauer Adams Skala”
„Vorwort zur Hauer Adams Skala”
„Vorwort zur Hauer Adams Skala”
Die Webseite von Shania und mir, kuratieren unsere Werke und mit der Hauer Adams Skala geben wir einen kleinen Einblick in unsere handwerkliche Disziplin. Fotografie beginnt nicht mit dem Auslösen, sondern lange zuvor. Dieser Satz klingt zunächst selbstverständlich und ist doch eine Zumutung. Denn er verschiebt den Ort, an dem wir gewöhnlich über Fotografie sprechen. Wir reden über Kameras, Sensoren, Objektive, Belichtungszeiten und Blenden. Wir reden über RAW-Dateien, Dynamikumfang und Software. Wir reden über Bilder, die uns gefallen oder nicht gefallen.
Was dabei leicht aus dem Blick gerät, ist der eigentliche fotografische Vorgang: das Denken, das dem Bild vorausgeht und sich durch seine gesamte Entstehung hindurch fortsetzt.
Die Hauer-Adams-Skala, HAS, ist dabei weit mehr als eine Methode zur Tonwertkontrolle. Sie steht für eine Haltung zur Fotografie. Für ein Denken, das das Bild nicht als zufälliges Ergebnis einer Aufnahme versteht, sondern als etwas, dessen Entstehung bewusst begonnen, geführt und überprüft werden kann. Das beginnt vor der Aufnahme. Der Fotograf steht nicht einfach vor einer Welt, die es abzubilden gilt. Er sieht Licht. Er sieht Schatten. Er sieht Mitteltöne. Er erkennt ihre Beziehungen und entscheidet, was davon innerhalb des gewählten Ausschnitts Bedeutung gewinnen soll. Das Framing wird damit zu einer ersten fotografischen Handlung: Nicht nur was soll ins Bild, sondern wie soll sich die Helligkeitsstruktur dieses Bildes entwickeln? Diese Frage ist entscheidend. Denn ein Bild entsteht nicht allein dadurch, dass Licht auf einen Sensor fällt. Der Sensor zeichnet auf, was ihm angeboten wird. Das fotografische Denken aber beginnt früher. Es fragt nach dem späteren Bild und nimmt von diesem gedachten Bild Einfluss auf die Aufnahme.
HAS ist die Idee, das fotografische Handwerk nicht gegen das digitale Medium zu verteidigen, sondern es gerade innerhalb dieses Mediums neu und explizit zu formulieren. Die digitale Fotografie hat uns eine enorme Freiheit gegeben. Zugleich hat sie uns eine eigentümliche Versuchung gebracht: Wir können fast alles aufzeichnen, fast alles nachträglich verändern und fast jede Entscheidung später wieder öffnen. Aus dieser Freiheit kann eine neue Form der Beliebigkeit entstehen.
Nicht alles, was aufgezeichnet werden kann, muss im fertigen Bild gleichwertig erscheinen. Nicht jeder vorhandene Tonwert muss dieselbe visuelle Bedeutung bekommen. Entscheidend ist nicht allein, wie groß der Dynamikumfang einer Aufnahme ist, sondern was aus diesem Kontrastumfang im fertigen Bild wird. Damit rücken die Mitteltöne in eine besondere Stellung. Tonwertdichte ist keine bloße Ansammlung von Helligkeitswerten. Sie ist eine Eigenschaft der bildnerischen Organisation. Ein Bild kann technisch außerordentlich viele Informationen enthalten und dennoch flach wirken. Umgekehrt kann ein Bild eine starke räumliche und körperliche Wirkung entfalten, weil seine Tonwerte so aufeinander bezogen sind, dass Licht, Volumen und Tiefe erfahrbar werden. Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, Schwarz möglichst schwarz und Weiß möglichst weiß zu machen. Schwarz darf nicht einfach absaufen. Weiß darf nicht einfach clippen. Die Extreme müssen ihren Platz innerhalb einer größeren tonalen Architektur finden. Erst dadurch kann sich jene Dichte entwickeln, die insbesondere in den Mitteltönen für die fotografische Wirkung so entscheidend ist.
An diesem Punkt soll deutlich werden, dass HAS weder bloße Ästhetik noch bloße Mathematik ist. Die Mathematik ist kein Ersatz für das Sehen. Und das Sehen ist kein Ersatz für die Mathematik. Beides tritt in einen Arbeitszusammenhang. Die Zonen werden vor der Aufnahme gedacht und berechnet. Die Aufnahme setzt diese Vorstellung unter den Bedingungen des realen Lichts und des Sensors um. Die RAW-Datei ist dabei nicht das fertige Bild, sondern ein Ausgangspunkt. Entwicklung und Remapping übersetzen die Aufnahme in eine gezielt aufgebaute Tonwertstruktur. Das daraus entstehende 16-Bit-TIFF kann wiederum berechnet und mit dem Ausgangs-RAW verglichen werden. Damit enthält der fotografische Prozess etwas, das in der digitalen Bilderwelt leicht verloren geht: die Möglichkeit zur Validierung. Das Bild wird nicht allein danach beurteilt, ob es dem Fotografen subjektiv gefällt. Die eigene Wahrnehmung bleibt selbstverständlich unverzichtbar – aber sie wird durch einen kontrollierten Prozess ergänzt. Entscheidungen können nachvollzogen, überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Das ist Handwerk im eigentlichen Sinn. Handwerk bedeutet nicht, möglichst viele Regeln zu kennen. Handwerk bedeutet, Zusammenhänge so gut zu verstehen, dass Entscheidungen bewusst getroffen werden können. In diesem Sinn ist HAS eine Fotoschule. Sie lehrt nicht lediglich, wie man eine Datei entwickelt. Sie fordert dazu auf, anders über das Entstehen eines Bildes nachzudenken. Das fertige Bild wird zum Ergebnis einer Kette von Entscheidungen, die bereits mit dem Sehen beginnt.
Je leistungsfähiger Kameras und Software werden, desto größer wird die Gefahr, fotografisches Denken an die Technik abzugeben. Automatik, HDR, lokale Korrekturen und immer weiter reichende Möglichkeiten der nachträglichen Bearbeitung können dem Fotografen Entscheidungen abnehmen. Sie können aber nicht entscheiden, was ein Bild sagen, zeigen oder verschweigen soll. Diese Entscheidung bleibt fotografisch. HAS versucht, sie wieder in die Hand des Fotografen zu legen. Das bedeutet auch, dass die Methode nicht als Sammlung von Rezepten verstanden werden sollte. Wer HAS nur als Berechnungsvorschrift benutzt, hat ihren eigentlichen Anspruch vermutlich noch nicht verstanden. Die Berechnung ist Mittel, nicht Zweck. Die Zonen sind kein Selbstzweck. Das Remapping ist keine technische Spielerei. Und die Validierung dient nicht dazu, die Fotografie in eine Messaufgabe zu verwandeln. All dies dient einem einzigen Gegenstand: dem Bild. Einem Bild, dessen Entstehung bewusst beginnt, dessen Tonwerte gezielt aufgebaut werden und dessen Wirkung nicht dem Zufall der technischen Möglichkeiten überlassen werden soll.
Fotografieren bedeutet, ein Bild nicht nur aufzunehmen, sondern seine Entstehung zu denken. Wer diesen Gedanken ernst nimmt, wird seine Kamera möglicherweise anders benutzen. Er wird anders durch einen Sucher schauen. Er wird Licht nicht nur als Helligkeit sehen, sondern als Struktur. Er wird Schatten nicht lediglich als fehlende Information betrachten. Die Schatten sind unsere Freunde. Er wird Mitteltöne nicht als Zwischenbereich behandeln. Und er wird die digitale Entwicklung nicht als nachträgliche Reparatur einer Aufnahme verstehen, sondern als Fortsetzung eines fotografischen Prozesses, der lange vor dem Auslösen begonnen hat.
Die große Frage ist: Was muss ich sehen, entscheiden und tun, damit aus aufgezeichnetem Licht ein fertig entwickeltes Bild wird, das dem Anspruch eines Handwerkes, einens Kunsthandwerkes oder fotografischer Kunst gerecht werden kann?
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Ich habe viele Fragen und die beginnen immer mit dem Wort „Warum?“